August 2013 Compilation

by 12in12x12

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In August 2013, a bunch of musicians wrote and recorded 12 songs in 12 hours. Some writers wrote, some painters painted. Many have been doing it since January. Some will do it again in September, and in October, etc.

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Track Name: Tobias Reußwig "Das Regulativ" (text​.​.​. klicken Sie auf "Lyrics", um ihn zu lesen​.​.​. click "lyrics" to read it)
Daran, dass ihre Träume sich in rigiden Strukturen abspielten, hatten sie sich schon lange gewöhnt. Mit Quadern als Grundstruktur wurde jede REM-Periode zu einem Klettern und Steigen zwischen Formen menschlicher Ambitionen und Verrücktheiten. Das Traumregulativ ragte wie eine Wendeltreppe aus Glas und Kristall in die Höhe, die Spitze verjüngte sich nadelförmig zu einer Empfangs- und Sendeantenne. Man sah sie nur in der Innenstadt, das Gebäude, obwohl von einem der begabtesten Architekten seiner Zeit entworfen, war nicht weithin sichtbar und zog, trotz seines zweifelsohne höchst ästhetischen Baus, selten Blicke auf sich.
Anders Herriman. Er stand in einem der schrägen Dachfenster eines der Türme, die den Stadtrand wie schiefe Zähne umgaben. Sein Blick, verstärkt durch einen Feldstecher, war direkt auf das Regulativ gerichtet. Seit seiner Zurückstufung auf Tier 1 hatte er nicht mehr geschlafen. Seine Freunde verglichen es mit einer radikalen Trotzreaktion und bewunderten die Konsequenz in seinem Aufstand gegen das Regulativ, er dagegen wusste, dass es nichts als Angst war, die ihn von den Träumen fernhielt. Alles, in das ihn der Schlaf werfen konnte, alle Träume, die ihm zugeteit werden konnten, würden ihn ohnehin nur panisch und in kaltem Schweiß aufwachen lassen. In einer der Taschen seiner abgetragenen und mit Klebeband verstärkten Lederjacke fand er eine weitere Pille. Irgendwann hatte das Zittern aufgehört. Er war sich, wie ihm auch seine Freunde sagten, ziemlich sicher, dass er bald sterben würde. Sein Schädel fühlte sich an wie ein zertrümmertes Kugellager. Im Raum hinter Herriman öffnete sich eine Tür, leichte Schritte. Jessika Glanz. Wer sonst.
"Erspar mir die Predigt. Und setz den Hut ab. Versuch zumindest, dich wie ein zivilisertes Wesen zu verhalten." Ein Seufzen hinter ihm, dann das Geräusch von Filz, der sanft über poliertes Hartholz glitt.
"Michael. Keine Predigt. Nur ein Wort: Du bist dem Wahnsinn verfallen, aber das merkst du aufgrund der Haluzinationen vermutlich nicht mehr. Meinen Hut habe ich übrigens nicht abgenommen, das Geräusch hast du dir eingebildet."
Für einen Augenblick sah er Jessika wieder so, wie er sie zum ersten mal gesehen hatte: Eingeschlossen in einer doppelt gesicherten Chryostasekammer. Er lies den Feldstecher sinken, legte eine Hand auf die schmutzigen Ziegelsteine, die die Einfassung des Fensters bildeten. Vielleicht hätte er seine Freunde nicht den Autoritäten ausliefern sollen. Er hatte keine Zeit mehr für diese Albernheiten. Es war unumgänglich gewesen, es hatte keinen Sinn, über seine Handlungen nachzudenken.
Mit einem Brecheisen hatte er die erste Versiegelung entfernt, dann die zweite. Damals wusste niemand, wer Jessika war. Dass ein Bürger der Vergangenheit eine solche Bedrohung würde darstellen können, hätte er nicht gedacht. Jetzt jedenfalls war sie hier. Herriman machte sich keine Vorwürfe, dass er sie befreit hatte. Die Welt war nicht schlechter geworden, trotz des nonchalanten Griffs, mit dem Frau Glanz die Korporation umschlungen hielt. Er blickte in die Tiefe.
"Im Gegensatz zu früher", begann Jessika, "ist die Welt inzwischen ein sehr einfacher Ort. Es gibt drei regulierende Instanzen, das ist alles. Eigentlich müsste niemand mehr arbeiten, aber scheinbar macht es euch allen so viel Spaß, dass ihr euch gegeneinander kehrt. Und was willst du jetzt machen, Michael? Willst du springen? Einen Ausfallschritt in die Freiheit tun? Einen... weiteren?"
Nein. Nein nein nein. Er hatte sich etwas ansehen wollen. Der Boden unter seinen Füßen, das Kopfsteinpflaster weit unten, wellte sich, als ob ein Krake geweckt worden wäre. Was hatte er sehen wollen? Jessika stand nun hinter ihm, ihre kalten Fingerspitzen wanderten über seine Wirbelsäule als ob sie eine der antiken Tastaturen sei, mit denen sie auch heute noch arbeitete. In der Innenstadt heulte eine Sirene auf, dann glitt, als ob ein gigantisches Skalpell einen mikroskopischen Schnitt gesetzt hätte, die Spitze des Regulativs zu Boden, wo sie mit dem leisteten vorstellbaren Bruchgeräusch in milliarden Splitter zerstäubte.
Jessika schaute vermutlich erstaunt und blond unter ihrem Hut hervor, Herriman lächelte. Soviel zu Jakobs Schatten.

Auch schon vor seiner Zurückstufung war Herrimans Leben nicht in den gewollten Bahnen verlaufen. Die Dauer seiner Spaziergänge in den alten Tunneln war besorgniserregend, seine Arbeit für die Korporation ließ zu wünschen übrig und seine Krawatte, vielleicht am Schlimmsten, saß niemals korrekt und fehlte häufig. Seine Freunde arbeiteten samt und sonders für Musik, das, anders als das Regulativ, distribuiert im Staatsgebiet ausstrahlte. Von ihnen lernte er, wie man nicht hören konnte (sie hatten es ihm nicht zeigen wollen, aber er war ein "cleverer Bursche" gewesen (eine Formulierung übrigens, die auch in die Zurückstufungserklärung Aufnahme gefunden hatte), es hatte entsprechend nicht in ihrer Absicht gelegen, ihm irgendetwas zu enthüllen), eine Technik, die er für ausgesprochen nützlich befand. Eines morgens, auf dem Weg zur Arbeit, war er Jakob aufgefallen. Das polierte Messing des offenen Straßenbahnwagens funkelte in der Frühlingssonne und vor dem Café der Stadt stand ein verhutzelter Mann und bespritzte die Pflastersteine mit einem Wasserschlauch. Der Dieselmotor tuckerte gemächlich vor sich hin. Musik spielte die allseits beliebte #32, worauf jeder im Wagen, mit Ausnahme von Jakob und Herriman, mit einem Lächeln und einem Nicken oder Tippen des Fußens reagierte.
Herriman hatte fasziniert die verfallenen Gebäude auf der linken Straßenseite vorbeiziehen sehen, als ein Nadelstreifenanzug plötzlich sein Blickfeld blockierte. Jakob setzte sich neben ihn.
"Sie hören nicht", begann er und Jakob nickte.
"Sie arbeiten nicht für Musik", fuhr er fort.
"Dem ist so."
"Steigen wir hier aus. Sollte ihr Verhältnis zur Korporation bereits gespannt sein, werde ich mich um etwaige Probleme kümmern."
Sie stiegen an der nächsten Station aus. Eine Art Lagerhalle, mit eingebrochenem Dach und einem angehängtem Turm, von dem lediglich noch skelettartige Träger aus dem Fundament ragten, erhob sich zu ihrer Linken, auf dem Weg rechts, vorbei an blumengeschmückten Fassaden, floss ein reger Strom von Passanten. Jakob betrat die Halle und nahm auf einem der Geröllbrocken im mittleren Bereich Platz, Herriman folgte und setzte sich auf eine der erstaunlich gut erhaltenen und stabilen Bänke, die in doppelter Reihe in der Halle aufgestellt worden waren.
Jakob begann: "Mein Name ist Sloan. Ich arbeite für Regulation," er fingerte eine Anstecknadel aus seiner Hemdtasche, zeigte sie Herriman "als ihr Direktor."
Herriman nickte.
"Meine Aufgabe langweilt mich. Ich möchte daher, dass Sie mich in einem meiner Nebenprojekte unterstützen."
Er sprach ruhig und langsam, so ernst wie sein Anzug. Etwas wie Angst regte sich in Herriman, oder wie Neugier, er war sich nicht sicher.
"Um was für ein Projekt handelt es sich?"
"Es geht um Statuen, oder etwas Vergleichbares. Ihre Kontakte zu Musik könnten sich als nützlich erweisen, noch viel mehr ihre Anstellung bei der Korporation. Ich vermute, ich bin ihr einziger Kontakt zur Regulation?"
"Ja."
"Ich sage es Ihnen gleich: Sie haben Gegenspieler."
Herriman lächelte. Jakob lächelte zurück: Ein kurz angebundenes Lächeln, aus dem keinerlei Ansprüche hätten abgeleitet werden können. Es verschwand schnell wieder von seinem Gesicht.
"Ihr Name?"
"Michael Herriman."
"Wir lassen Ihnen erste Instruktionen zukommen."

Das Paket traf drei Tage später ein. In einem weißen Briefumschlag, adressiert an "M. Herriman" fand er ein schmales, glattes Plastiketui, kaum so tief wie sein kleiner Finger. Auf seinem Regal tickte eine aus dicker Zelephonfolie hergestellte Uhr, die getönten Scheiben tauchten den Raum in ein kräftiges Grün. Irgendwo flackerte eine alte Bildröhre.
Er schaltete seine Schreibtischlampe ein. In dem dunkelblauen Etui befanden sich ein eng gefalteter Stadtplan und neun selbstklebende RFID-Plaketten, die matt und schwarz funkelten. Auf dem Stadtplan waren 12 Punkte innerhalb der Stadt markiert worden, eine kurze Notiz erklärte ihm, dass seine Verteilung der Plaketten über die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses entscheiden würde. Herriman erkannte die offensichtliche Regelmäßigkeit, nach der neun der zwölf markierten Orte ausgewählt worden waren, zeichnete mit einem Bleistift ein Nonagramm ein, markierte die übrigen drei Punkte und verteilte die Plaketten im Lauf der nächsten Tage auf die übrig gebliebenen drei Punkte. In einem Tier 7 Traum, der vor surrealistischen Topoi geradezu überquoll, sprach ein häufig blinzelndes Auge zu ihm.
Ein weiterer Brief traf ein.
"Keine schlechte Idee", in sauberer, schwarzer Handschrift auf einem Stück weißem Karton, "ich denke, sie werden sich als wertvoller Mitarbeiter erweisen. Verzeihen sie mir den kleinen Test. Ich habe veranlasst, dass ihre Zugangserlaubnis erweitert wurde. (In dieser Hinsicht: Seien Sie doch so freundlich und unterschreiben den Antrag, den Sie morgen auf Ihren Schreibtisch finden werden, der einem C. Mitzaw Zugang bis an die Türme erlauben wird.) Treffen sie mich Donnerstag, zur Vesper, in Tunnel 19, dreißig Meter vom neuen Zugang 12 entfernt." Unterschrieben war der kurze Brief mit einem einfachen J. Es war Montag, als er den Brief erhielt. Die Abende bei Kaffee, Wein und gelegentlichen pornographischen Ablenkungen mit seinen Musik-Freunden nahm er gelassen hin. An einem von ihnen, dem Mittwoch, erzählte ein Wirrkopf namens Alerich Nermiham von seinem Projekt, Musik in der ganzen Stadt zu sabotieren. Warum das, fragte man ihn. Er zuckte mit den Schultern. Seinen Bart trimmte er selten, seine Augen waren permanent in Bewegung.
"Ich weiß nicht", gestand er, "es kommt mir vor, als würde ich dadurch tatsächlich einmal etwas tun."
Die Freunde lachten.
"Du tust den ganzen Tag etwas. Ohne deine Arbeit würde genau das passieren, was du gerade geplant hast: Musik würde aufhören, zumindest in deinem Bezirk. Und das ist ein absurder Gedanke."
Alerich wirkte verletzt und sprach den Rest des Abends wenig. Schließlich, es war sehr spät, fiel er schwer auf den Platz neben Herriman. Sie hatten das Café verlassen und saßen unter einem Baum im Zentrum der Stadt, von einer kreisrunden Grünanlage umschlossen. Zwischen zwei dünnen Wolkenbändern glitzerten einige Sterne. Alerich sagte:
"Du verstehst mich, Michael, oder? Die verstehen mich alle nicht. Ich will etwas tun. Etwas tun, verstehst du?"
Herriman sah ihn einige Zeit schweigend an. Dann zog er einen stabilen Streifen Leder hervor.
"Wie geht es deiner Freundin, Alerich?"
Die Freundin saß nicht weit entfernt, sie flirtete mit einem ihrer Kollegen, harmlose Interaktion, angeregt von Wein und Porno. Alerich sah kurz zu ihr herüber, zuckte dann mit den Schultern.
"Sie macht dir keine Freude mehr, nehme ich an?"
Alerich schüttelte den Kopf.
Herriman hielt ihm den Lederriemen hin.
"Erwürg sie hiermit, heute Nacht. Befriedige Sie, Du wirst merken, wie kalt und leer du dich danach fühlen wirst. Dann wirst du es tun. Horch dabei in dich hinein. Du erhältst weitere Instruktionen im Lauf der Woche."
Alerich nahm den Riemen aus Herrimans Hand. Der Gedanke arbeitete sich durch seinen weinschweren Geist. Er nickte langsam.

Das Treffen in den Tunneln fand planmäßig statt. Herriman half Jakob dabei, einige alte Kabel durch schwere Stahladapter mit einem mitgebrachten Generator zu verbinden. Das kubusförmige Gerät begann leicht zu summen, um sie herum schalteten sich flickernd alte Leuchtstoffröhren ein. Der Boden war trocken und eben und rollte sich erst nahe an den Wänden auf und ging nahtlos in die kreisförmige Wölbung der Wände und Decke über.
"Ich habe Sie aus einem bestimmten Grund herbestellt. Ich nehme an, Sie waren in der Zwischenzeit nicht untätig, aber das ist jetzt nicht wichtig. Sehen Sie die Abzweigung dort hinten? Für dieses Stück unseres Weges hätten ich den Generator nicht mitbringen müssen."
Als sie näher kamen, erkannte Herriman die Unterschiede zu dem Rest der Tunnel. Muschelförmige Lampen verbreiteten ein weiches, beinahe cremiges Licht, im Wechsel an der rechten bzw. linken Tunnelwand angebracht, nur knapp über seinen Augen, leicht zu erreichen. Das Tunnelsegment zog sich in einer leichten Kurve einige wenige hundert Meter weit, bevor es in einem stahlglänzenden Durchgang endete. Jakob und Herriman traten durch die sich geräuschlos öffnende Tür.
"Ich weiß nicht, wer sie sind", kommentierte Jakob seine Entdeckung, "aber ich weiß, dass sie ein gewaltiges Potential bezüglich unseres Unterfangens darstellen."
Die Kammer war rund, sechs zylindrische Chryostasekapseln ruhten ruhig in ihr. Herriman betrachtete sie allesamt eingehend und wandte sich dann derjenigen zu, die neben einigen Warnhinweisen in einer fremden Sprache auch nachträglich angebrachte Stahlschließen aufwies.
"Befreien Sie einen, die Wahl liegt bei Ihnen. Ich habe dafür gesorgt, dass die Korporation Ihnen die notwendigen Befugnisse gegeben hat."
Er verschwand und lies Herriman allein zurück.

Jessika Glanz. Jessika. Glanz. Er hatte viel von ihr gelernt in den Wochen nach ihrer Wiederbelebung, während er ihr die Welt zeigte, die sich, für sie, im Bruchteil einer Sekunde fast völlig gewandelt hatte. Schmerz, so lernte er, bedeutete für Jessikas Epoche, oder für Jessika persönlich, sehr viel. Da ihre Wiederbelebung von der Korporation durchgeführt und überwacht worden war (vertreten durch Herriman, der die zusätzlichen Schließen mit einem Brecheisen entfernte und anschließend die Klappe aufstieß) wurde Frau Glanz in den Besitz der Firma überführt. Sie stieg bald zur Abteilungsleiterin auf.
"Eure Art zu arbeiten", erklärte sie Herriman zwischen rein formalen Liebkosungen, "ist so unanständig wie sie ineffektiv ist."
"Dafür scheinst Du Dich aber gut eingefunden zu haben."
Sie lachte. "Das bedeutet nichts, glaub mir. Gar nichts."
Von Jakob hatte Herriman seit Jessikas Auferstehung nichts mehr gehört. Alerich allerdings hatte etwas zu berichten:
"Ich habe sie erwürgt. Ihr Körper lag lange einfach noch so da, bis ich beschlossen habe, ihn los zu werden. Ich fühlte mich unheimlich frei, während ich es tat, ich fühle mich... immer noch unheimlich frei. Henna hat ihren Freund ebenfalls erwürgt. Vor 10 Tagen habe ich ihr den Riemen und den Befehl gegeben. Was sollen wir als nächstes tun?"
Herriman überlegte nicht lange.
"Ihr werdet Carlos Mitzaw töten, gemeinsam. Nimm so viele Freunde mit, wie du überzeugen kannst."
Alerich nickte, Herriman ließ ihm, ebenfalls in einem schlanken Plastiketui, die Adresse zukommen.
In dieser Nacht träumte er von einem weit entfernten Planeten und seine Reise zu ihm, einem Planeten voller Farben, die ineinander verliefen, träumte davon, eine Kirche aus Kieseln zu errichten und dem Hohepriester, einer humanoider Echse mit weit aus dem Hals hängender Zunge, die sich wieder und wieder in Drohgebärde kräuselte, ein Gewand zu schneidern. Er wachte auf und prügelte Jessika, die wie üblich auf einem Stuhl neben seinem Bett saß und unverständliche Notizen auf einen Block kritzelte, halb tot. Sie lachte ihn durch zusammengebissene Zähne an, forderte ihn auf, noch fester zuzuschlagen.

Jakobs Reaktion auf den Mord an C. Mitzaw ließ nicht lange auf sich warten. Die Rückstufung auf Tier 1, eine Verfahren, das sonst nur bei der Diagnose geistiger Unzulänglichkeit angewendet wurde, trat über Nacht in Kraft, ohne Vorwarnung. Das Begründungsschreiben war ein Brief an Herriman, nicht mehr:
"Lieber Michael,

ich wusste, dass ich mich in Ihnen nicht getäuscht hatte. Sie sind ein cleverer Bursche und ich freue mich auf Ihren nächsten Zug.

Ihnen vollständig ergeben,
Jakob"

In dem Augenblick, in dem er aufhörte zu schlafen, verbrachte Jessika ihre Tage und Nächte in dem Büro, das die Korporation ihr gestellt hatte. Ihre Produktivität verdoppelte sich, zumindest kam es Herriman so vor, der schwer unter dem Schlafentzug zu leiden hatte. Ein weiterer Besuch in der Chryostase-Kammer stellte sich als verspätet heraus. Die Lampen spendeten weiterhin ihr beruhigendes Licht, die Kapseln aber waren verschwunden – ob durch die Hand von Jakob oder die Jessikas, oder gar einer dritten Partei, war unklar. Er beriet sich mit Alerich.
"Wir haben fünf für unsere Sache gewinnen können, dabei sind 13 verloren gegangen. Meine Geliebte und ich benutzen inzwischen gewickelte Stahlseile, viel effizienter als Leder."
"Ich will so viele wie möglich aus dem Regulativ tot sehen. Lauert ihnen nachts auf, folgt ihnen nach Hause. Und keine weiteren Opfer aus Musik."

Einige Tage darauf erfuhr er, dass Jakob seine Methoden kreativ einzusetzen wusste. Eine geifernde, totenblasse Gestalt, breitschultrig und mit unregelmäßigen Schritten, schob sich ihm wenige Meter von seiner Wohnung entfernt entgegen. Er vermutete, dass der wirre Blick nur durch Traummanipulation entstanden sein konnte – als er auf Herriman fiel, begann die Gestalt wie wahnsinnig vor Angst zu schreien, das Gesicht abgewendet, aber die Augen weiter auf Herriman gerichtet. Mit beiden Händen griff die Gestalt nach Herrimans Hals, hob ihn fast spielerisch vom Boden. Jessikas Erzählungen hatten ihn allerdings vorbereitet. Eine Hand fest um ein Handgelenke des Hühnen geschlungen, griff er mit der anderen Hand nach dem Rasiermesser in seiner Tasche, schaffte es, trotz der in ihm aufsteigenden Panik es zu entfalten und geschickt zwei Tiefe Schnitte in die Arme des Hühnen zu setzen. Dieser schien durch den Schmerz aus dem Alptraum gerissen zu werden. Er ließ Herriman los und starrte wie gebannt auf das hervortröpfelnde Blut.
"Es brennt", sagte er. "Der Schmerz ist schwach. Ganz anders als in meinen Träumen."
Er trottete davon und lies Herriman allein zurück.

Er begegnete Jessika im Café. Sie winkte ihn heran, er nahm Platz.
"Ein faszinierender Herr aus dem Regulativ hat mich kontaktiert. Erinnerst Du Dich an einen Jakob Sloan?"
"Ich hatte noch nicht die Freude, mit dem Regulativ zu arbeiten."
"Trotz deiner Rückstufung?" Sie lächelte auf eine Art, die ihm vollkommen fremd war. Der Alte mit dem Wasserschlauch war wieder zugegen, diesmal reinigte er die Pflastersteine vor den Ruinen. Der Schlauch spannte sich und würde vermutlich bald von einer der Straßenbahnen zum Platzen gebracht werden.
"Nun, er hat mir von einer beunruhigenden Entwicklung erzählt. Immer mehr Menschen, so erklärte er mir, würden verschwinden, einfach fort sein, so wie alte Menschen, die sterben, nur dass es sich bei allen Verschwundenen um junge Menschen handelt." Sie tippte mit ihrem Löffel gegen ihre Kaffeetasse um die Aufmerksamkeit der jungen Kellnerin zu erregen. Deren rotes Haar flatterte, als sie heraneilte und hastig die leere Tasse auflas um Jessika, die das Mädchen nicht weiter beachtete, eine weitere zu bringen.
"Komm bitte zum Punkt."
Sie seufzte.
"Er hat mir eine Allianz vorgeschlagen. Du kannst nicht gegen uns beide gewinnen, das weißt du. Was deine Killertruppe angeht: Die Direktorin der Korporation hat mein Projekt gut geheißen. Entsprechend eurer lächerlichen Namensgebungen habe ich es "Die Autorität" getauft. Die Korporation sieht es als ihre Aufgabe, die Ursache für das Verschwinden aufzudecken. Ich sei, aufgrund meiner Erfahrung, die ideale Person, um dieses Unternehmen zu leiten."
Herriman nickte.
"Übrigens, wie steht's denn um deinen Schlafentzug? Haben die Haluzinationen schon angefangen?"
Schatten hatten schon vor einer ganzen Weile ein Eigenleben für Herrimans Augen entwickelt. Lampen und zuweilen auch das Tageslicht schienen zu flackern.

"Die Autorität" bestand aus kräftig gebauten Angestellten der Korporation, die mit schweren Messern und schwarzen Uniformen ausgestattet wurden. Alerich schätzte seine Chancen gegen sie gering ein, Herriman stimmte ihm zu.
"Wir haben einen des Regulativs im Hinterzimmer." Sie hatten eine der Verteilerstation von Musik umgerüstet und benutzten sie als Planungsbüro. Musik unterstand de facto, durch eine Mischung aus schlichtem Mord, rigiden Kommandostrukturen und sexueller Brutalität Alerichs Kontrolle. Herriman musste sich hüten, nicht denselben Fehler zu machen wie Jakob.
"Ist er dem Regulativ noch loyal?"
Die Tür öffnete sich und Alerichs Geliebte erschien, Blutspritzer auf der ansonsten makellos weißen Bluse, nackt von der Hüfte an abwärts. Sie nickte.
"Nicht mehr", stellte Alerich fest.

Herriman packte den kleinen Mann fest am Schädel. Das zufriedene Lächeln verschwand und wurde durch Furcht ersetzt.
"Hörst du mir zu?" Er rammte den Schädel kleineren Mannes gegen die Betonwand.
"Hörst du mir zu?" Ein verschüchtertes Nicken.
"Sprich."
"I... ich höre zu."
"Gut. Du wirst den Generator des Regulativs überladen."
"Un... unmöglich, die Autorität bewacht ihn!"
Herriman ließ den Gefangenen los. Er kannte Jessikas Art, wusste aber nicht, wie effizient sie letztlich vorgehen würde, noch, ob sie ihn noch als Gefahr betrachtete oder nicht. Seine Augen kamen ihm vor wie glühende Kohlen, die fest in ihren Höhlen verklemmt lagen. Ganz langsam. Die Befehlsketten würden... sehr rigide sein... typisch für Jessika, typisch für die Korporation...
"Lauf los, kleiner Mann. Halte dich in der Nähe des Regulativs bereit. Wenn die Autorität abzieht, befolgst du deine Befehle."
Der rothaarige Mann nickte, plötzlich sehr ruhig.
"Ich habe eine Frage, bevor ich gehe."
Herriman drehte sich um und hob eine Augenbraue.
"Ja?"
"Wird Jakob sterben?"
"Ja."
Der kleine Mann nickte. "Mein Name ist Soban Lokaj. Michael Herriman, ich übernehme den Auftrag gerne."
"Warte." Herriman reichte Soban sein Messer. "Nur für den Fall."

"Damit haben wir den Anfang der Geschichte beinahe erreicht. Da die Autorität nach wie vor der Korporation untergeordnet war, war es ein leichtes, einen Hinweis auf Alerichs Hauptquartier in das Kommunikationsnetz Jessikas zu schleusen. Der darauf folgende Angriff nahm den größten Teil der Autorität in Anspruch. Jakob selbst verlies seinen Turm, um mich unter denen zu finden, die exekutiert werden sollten – und wurden. In weniger als einer halben Stunde vernichtete ich sowohl das Regulativ als auch Musiks neues Kommandozentrum. Jessika Glanz, die im Verborgenen die Fäden der Korporation zog, stand noch immer hinter mir, während ich die Zerstörung des Regulativs beobachtete. Sekunden danach wälzten wir uns über den Boden, ihre Finger verzweifelt bemüht, meinen Hals zu umschlingen. Der gesamte Raum schien seine Konturen verlieren. Ich fühlte mich von allen Seiten beobachtet: Jakob schien anwesend, Alerich lächelte und Soban verbarg sich hinter den breiten Rücken von Autoritäten. Die Hände von Alerichs Geliebter spielten selbstvergessen zwischen ihren Beinen. Alles verschwamm. Einer Furie gleich kniete die siegessichere Jessika über mir, ich würgte verzweifelt unter ihrem festem Griff. Alles weitere geschah in einer unwirklichen Zeitlupe – ich bin bereit, es für eine Haluzination zu halten, wobei dies allerdings nicht meine scheinbar fortdauernde Existenz erklären würde. Ich rollte mich so weit ich konnte nach hinten, fort aus ihrem Griff, zog meine Beine an, sie versuchte mir zu folgen, ihre Knie, auf denen sie hektisch nach vorne kroch, berührten mein Gesäß. Ich zog die Beine an... das offene Fenster lag hinter mir... ich blickte in ihre Augen und meinte, einen ähnlichen Hunger zu bemerken wie den, den ich in unserer frühen Zeit miteinander häufiger gestillt hatte... ich setzte meine Füße auf ihren Bauch... und mit einen gewaltigen Stoß, unter Aufbietung aller meiner verbliebenen Kraft katapultierte ich sie aus dem Fenster. Überrascht wirkte ihr Gesicht und auf eine fast enttäuschende Art dumm. Eine Hand klammerte sich kurz an das Geländer... rutschte ab... verkrampfte sich um das verrostete Metal... und wurde fortgerissen.

Dann schlief ich. Zum ersten Mal in meinem Leben ohne die Hand des Regulativs auf mir zu spüren. Sobald ich wieder wach sein würde, überlegte ich, während Schmetterlinge meinen nackten Körper umkreisten und die Toten mir applaudierten, Millionen von ihnen, in einem gewaltigen Zug, der die gesamte Geschichte der Menschheit umfasste, sobald ich wieder wach sein würde, überlegte ich und zerriss das Azur des Himmels um es um meine Schultern zu schlingen, würde ich herrschen.